Französisch in Berlin 🇩🇪

By | 23 Feb 2009

Extrakt aus “Französisch im Berliner Jargon” von Ewald Harndt:

Dort wird u.a. aufgezeigt, dass viele Wörter im normalen (Berliner) Sprachgebrauch ursprĂĽnglich dem Französischen entlehnt sind. Das liegt wohl vor allem daran, dass im 17. und 18. Jahrhundert der Adel mehr französisch als deutsch gesprochen hat. Die deutschprachigen haben dann zum einfacheren Erlernen meist beide Wörte verbunden ausgesprochen. Ganz besonders spannend fand ich da das beliebte Zeitvertreibspiel “Keesekästchen”. Das kommt laut dem BĂĽchlein von la caisse = der Kasten. Oder auch gut: klammheimlich kommt von clam (lat.) = heimlich.

Andere tolle – und mir bisher unbekannte – Importe:

  • aus dem Polnischen, u.a.: GroĂźkotz1derb, abwertend: Person, die ihre eigenen Leistungen stark ĂĽbertreibend und unaufgefordert in den Vordergrund stellt, Kabache21. primitive HĂĽtte / 2. anrĂĽchige Kneipe, Pennunze3Geld, aus dem polnischen: pieniÄ…dze, Pomade4Fett oder Salbe fĂĽr kosmetische Zwecke, insbesondere fĂĽr die Haarpflege, dalli5schnell, aus dem poln. dalej (weiter, vorwärts)
  • aus dem Jiddischen, u.a.: Kaschemme6Wirtshaus mit einem schlechten Ruf, wo sich Prostituierte und Ganoven aufhalten, mauscheln71. dunkle, unlautere Geschäfte treiben / 2. beim Spiel, zumeist einem Kartenspiel, betrĂĽgen, meschugge8nicht bei Verstand, verrĂĽckt, Mischpoche9abwertend: Familie, GroĂźfamilie / familienähnliche Gemeinschaft, Bande; ĂĽble Gesellschaft; auch: Mischpoke, Ramsch10abwertend: Ware, die aufgrund ihrer geringen Qualität nicht verkauft, nicht abgesetzt werden konnte / im ĂĽbertragenen Sinne: wertloses Zeug, Schmu11etwas nicht ganz Korrektes; verhältnismäßig harmlose Schwindelei; leichter, kleiner Betrug, schnorren12jemanden aus Gewohnheit immer wieder um Kleinigkeiten wie Kleingeld, Zigaretten oder Ă„hnlichem bitten, ohne selbst eine Gegenleistung erbringen zu wollen / höflich fĂĽr sich selbst um Kleinigkeiten wie Kleingeld, Zigaretten oder Ă„hnlichem bitten, ohne selbst zu einer Gegenleistung bereit zu sein, schofel13abwertend: in empörender, verachtenswĂĽrdiger oder ähnlicher Art und Weise böse, minderwertig, niederträchtig, schäbig / in beschämender Weise kleinlich, geizig
  • aus dem Lateinischen, u.a.: Lokus14Toilette, Moneten15Geld, Palaver16endlos scheinendes, meist ergebnisloses Gespräch, Debatte, Verhandlung, Pelle17die Schale von Obst, GemĂĽse, Eiern, die HĂĽlle der Wurst und Ă„hnlichem; die Haut von gebratenem Fleisch und Fisch, auch: menschliche oder tierische Haut, Oberbekleidung (aus lat. pellis = Fell, Haut), Pulle18Flasche (VerkĂĽrzung von Ampulle), Tempo19Geschwindigkeit (aus dem lat. tempus = Zeit, Abschnitt), famos20groĂźe Anerkennung/Bewunderung auslösend (aus dem lat. famosus = viel besprochen, berĂĽhmt), fatal21unangenehm, verhängnisvoll, peinlich / ungĂĽnstig, schwerwiegend, intus22etwas vor kurzem getrunken oder gegessen haben / etwas begriffen, verstanden haben (lat. intus = innen, inwendig), kapieren23verstehen (lat. capere = fassen, ergreifen), kolossal24wie ein Koloss / groĂźartig (lat. colossus), simulieren25sich verstellen, etwas vortäuschen
  • “totschick” kommt von “tout chic”
  • der Stadtteil “Moabit” kommt von französischen Aussiedlern, die dort vergebens Obst und GemĂĽse anbauen wollten: la terre de Moab bzw. la terre maudite – das verfluchte, sehr schlechte Land
  • viele Speisen wurden von den Franzosen importiert: boulette = FleischkĂĽgelchen, ragoĂ»t fin haben wir den Hugenotten zu verdanken und aus griebelettes, kleinen in Speck gebratenen FleischstĂĽckchen wurde Griebenschmalz. Des weiteren wurden französische Begriffe eingedeutscht: PĂĽree, Karotten, Eclair, Filet, Frikassee, Kotelett, Omelett, Roulade
  • im weiteren Sprachgebrauch: Amusement, Canaille26Schimpfwort: einen Menschen als Schurken bezeichnend / veraltet: Menschenmenge aus heruntergekommenen oder zwielichtigen Personen (auch: Kanaille), Cousine, Couvert27Umschlag, Kommode, Malheur, Misère, Parterre, Pissoir, Portemonnaie, penibel, perdu, Rage, Salon, Skandal
  • besonders kompliziert einzudeutschen: Balkon, Bravour, Chance, Pedant, Milieu, Revanche, Sabotage, Vase
  • “passieren” von se passer = sich ereignen, stattfinden
  • das “Karree” kommt von carrĂ© = Geviert, Quadrat, viereckiger Häuserblock
  • Pleonasmus28Wikipedia: Pleonasmus, den man kennen könnte: Deez-Kopp (Deez = Berliner Schnauze fĂĽr tĂŞte)
  • weitere Umwandlungen: trottoir → Trittoar29BĂĽrgersteig, fĂŞte → Fetz/Fete, adroit → adrett, propre → proper, vif (lebendig) → gewieft, clameur (Geschrei) + clameux (lärmend) → Klamauk, de la bredouille (Tricktrack, Matsch) → Bredulje (Verlegenheit, Klemme), pleurer (weinen) → plärren, jmd. eine chance geben → ihm etwas zuschanzen, la pique (Groll) → “Sie hat ‘ne Pike uff mir”, les bottines (Stiefel) → Botten
  • die Ratte beim Bowling kommt von ratĂ© (Versager, Blindgänger) bzw. rater (verfehlen)
  • “etepetete” kommt von ĂŞtre peut-ĂŞtre = im Zweifel sein
  • “KommiĂźbrot” kommt nicht aus dem lat. KommiĂź (Truppe, Heer) sondern, da – mangels Militärbäckereien – Brot fĂĽr die Soldaten in der Stadt von commissionaires aufgekauft wurde, von “Kommissionärsbrot”
  • qincailleries (metallene Haushaltswaren bzw. wertlose Kleinigkeiten, blecherner Schnickschnack) → Kinkerlitzchen
  • querelle (Querelen) → krakehlen
  • “Muckefuck” kommt vom mocca faux, falschem Kaffee, einem sehr dĂĽnnen Kaffeeaufguss (wegen hohem Kaffeezoll), der mittels Chicoree-Extrakten schwarz eingefärbt wurde
  • moi tout seul = ich ganz allein, wird mittels Pleonasmus zu “mutterseelenallein”
  • “Fisimatenten” könnte sich zweierlei ableiten:
    1. abgeleitet von der Ausrede fĂĽr zu spät zurĂĽckkehrende Soldaten j’ai visitĂ© ma tante (=Ich hab meine Tante besucht.) im Sinne von “faule Geschichte, Umstände”
    2. von visitez ma tente, womit napoleonische Soldaten wohl gern willige Mädchen in ihr Zelt eingeladen haben (Mutter an Tochter: “Mach mir keene Fisimatenten!”)
  • “Zislaweng”, mit Schwung, kommt von ainsi cela vient = “so kommt das”, im Sinne von: Geschicklichkeit ist keine Hexerei
  • der “groĂźe Onkel” (groĂźer Zeh am FuĂź) kommt vom ongle, dem Nagel an der Zehe, FuĂźklaue
  • “blĂĽmerant” kommt von bleu mourant, ein sterbendes, blasses Blau mit dem Friedrich II. sein Porzellanservice verzieren lieĂź. Im Sinne von “ĂĽbelerregend”.
  • “Happen” (Essen) kommt vom happĂ©e = Bissen
  • “Sich einen uff die Lampe gieĂźen” kommt von lamper = ĂĽbermäßig, in kräftigen ZĂĽgen trinken bzw. la lampĂ©e = tĂĽchtiger Schluck
  • “Es ist alle.” im Sinne von aufgebraucht, verbraucht geht zurĂĽck auf zwei hugenottische Schwestern, die an der JungfernbrĂĽcke selbstgemachte Stickereien anboten. War ein Muster ausverkauft, hieĂź es “c’est allĂ©” = es ist ausgegangen, aufgebraucht.
  • “mausetot” kommt wahrscheinlich von mort aussitĂ´t bzw. mort si tĂ´t (sofort, sehr schnell, sogleich tot)
  • “Scheese” (Fahrzeug, Auto) kommt vielleicht von la chaise = der Stuhl, im Sinne von fahrendem Stuhl (vgl. Sänfte = porte-chaise); eher aber vom Hugenotten Philippe de Chièze, der einen gefederten Kutschenwagen erfunden hatte. Die Berliner nannten das Gefährt nach dem Erfinder, wie z.B. auch der Kremser nach Simon Kremser benannt wurde
  • bei “bonfortionös” (groĂźartig, herrlich) ist die Herkunft von bonne fortune (gut GlĂĽck) ungewiĂź
  • in den napoleonischen Besatzungsjahren haben einige Immigranten ihre Nachnamen eingedeutscht: aus “Le Jeune” wurde Jung, Moineau → Sperling, Laforge → Schmidt (man denke an Star Trek: “Wie steht es um den Warp Antrieb, Herr Schmidt?” ), Malin → Boes/Bös, Blanc → WeiĂź
  • Beim Trinken anstoĂźen “auf General Knusemong” kommt von en gĂ©nĂ©ral que nous aimons = insbesondere auf das, was wir lieben/mögen
  • 1
    derb, abwertend: Person, die ihre eigenen Leistungen stark ĂĽbertreibend und unaufgefordert in den Vordergrund stellt
  • 2
    1. primitive HĂĽtte / 2. anrĂĽchige Kneipe
  • 3
    Geld, aus dem polnischen: pieniÄ…dze
  • 4
    Fett oder Salbe fĂĽr kosmetische Zwecke, insbesondere fĂĽr die Haarpflege
  • 5
    schnell, aus dem poln. dalej (weiter, vorwärts)
  • 6
    Wirtshaus mit einem schlechten Ruf, wo sich Prostituierte und Ganoven aufhalten
  • 7
    1. dunkle, unlautere Geschäfte treiben / 2. beim Spiel, zumeist einem Kartenspiel, betrügen
  • 8
    nicht bei Verstand, verrĂĽckt
  • 9
    abwertend: Familie, Großfamilie / familienähnliche Gemeinschaft, Bande; üble Gesellschaft; auch: Mischpoke
  • 10
    abwertend: Ware, die aufgrund ihrer geringen Qualität nicht verkauft, nicht abgesetzt werden konnte / im übertragenen Sinne: wertloses Zeug
  • 11
    etwas nicht ganz Korrektes; verhältnismäßig harmlose Schwindelei; leichter, kleiner Betrug
  • 12
    jemanden aus Gewohnheit immer wieder um Kleinigkeiten wie Kleingeld, Zigaretten oder Ähnlichem bitten, ohne selbst eine Gegenleistung erbringen zu wollen / höflich für sich selbst um Kleinigkeiten wie Kleingeld, Zigaretten oder Ähnlichem bitten, ohne selbst zu einer Gegenleistung bereit zu sein
  • 13
    abwertend: in empörender, verachtenswürdiger oder ähnlicher Art und Weise böse, minderwertig, niederträchtig, schäbig / in beschämender Weise kleinlich, geizig
  • 14
    Toilette
  • 15
    Geld
  • 16
    endlos scheinendes, meist ergebnisloses Gespräch, Debatte, Verhandlung
  • 17
    die Schale von Obst, GemĂĽse, Eiern, die HĂĽlle der Wurst und Ă„hnlichem; die Haut von gebratenem Fleisch und Fisch, auch: menschliche oder tierische Haut, Oberbekleidung (aus lat. pellis = Fell, Haut)
  • 18
    Flasche (VerkĂĽrzung von Ampulle)
  • 19
    Geschwindigkeit (aus dem lat. tempus = Zeit, Abschnitt)
  • 20
    große Anerkennung/Bewunderung auslösend (aus dem lat. famosus = viel besprochen, berühmt)
  • 21
    unangenehm, verhängnisvoll, peinlich / ungünstig, schwerwiegend
  • 22
    etwas vor kurzem getrunken oder gegessen haben / etwas begriffen, verstanden haben (lat. intus = innen, inwendig)
  • 23
    verstehen (lat. capere = fassen, ergreifen)
  • 24
    wie ein Koloss / groĂźartig (lat. colossus)
  • 25
    sich verstellen, etwas vortäuschen
  • 26
    Schimpfwort: einen Menschen als Schurken bezeichnend / veraltet: Menschenmenge aus heruntergekommenen oder zwielichtigen Personen (auch: Kanaille)
  • 27
    Umschlag
  • 28
    Wikipedia: Pleonasmus
  • 29
    BĂĽrgersteig

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